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stadtprojektionen IV hat vom 17.-20. September 2020 im Bade- und Naherholungsgebiet Drei Weieren oberhalb von St.Gallen stattgefunden.

Gebiet in St.Gallen

stadtprojektionen IV lud Mitte September 2020 zum nächtlichen Flanieren und Schauen oberhalb der Stadt St.Gallen ein, bespielt wurde das Bade- und Naherholungsgebiet Drei Weieren. Foto- und stumme Filmarbeiten dreizehn Kunstschaffender waren an idyllischen Badepavillons beim Mannen- und Chrüzweier, auf hölzernen Stegen sowie unter dem auskragenden Dach des Restaurants Dreilinden zu sehen.

Der Weitblick über die Stadt und bis an den Bodensee griff eine Schriftprojektion an ein Silo der Brauerei Schützengarten auf. Ebenso wurde der Weg von der Stadt hoch zu Drei Weieren mit zwei Projektionen in der Mülenenschlucht miteinbezogen.

Vernissage: 
Donnerstag, 17. September, 19 Uhr, Kiosk im Familienbad (Zugang über Haupteingang Familienbad), Dreilindenstrasse 50

Führungen:
Freitag, 18. September, 20 Uhr
Sonntag, 20. September, 20 Uhr
Treffpunkt jeweils bei Projektion Nr. 14 

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Auftakt in Zürich

Der Auftakt zur vierten Ausgabe fand am Donnerstag, 27. August im Frauenbad Stadthausquai in Zürich statt. stadtprojektionen war mit drei Projektionen zu Gast in der Barfussbar: Beim Eingang empfing einen eine körperliche Filmarbeit von BIGLERWEIBEL. An den Rand des eingelassenen Bassins, knapp über der Wasseroberfläche, erfolgte eine Schriftprojektion von Michèle Graf und Selina Grüter. Und in einer Garderobenkabine waren animierte Figuren von Bertold Stallmach zu beobachten – sie knutschen, baden und begegnen einem Seeungeheuer. 

Die hölzernen Badehäuser an der Limmat und auf Drei Weieren sind etwa zeitgleich entstanden. In Bezug auf die stadträumliche Einbettung und heutige Atmosphäre präsentieren sich die Badeorte in den beiden Städten sehr unterschiedlich: Drei Weieren ist ein intimer Badeort inmitten der Natur, das Frauenbad Stadthausquai Teil der pulsierenden Stadt.

Kunstschaffende

Herbert Bayer

Xanti Schawinsky in a Handstand Position, 1928, Fotografie (Standbild)

The Museum of Fine Arts, Houston

© Estate of Herbert Bayer/Artists Rights Society (ARS), New York.

Nr. 1: Blick unter Felsenbrücke, Mühlenstrasse 12

Unter der Felsenbrücke, wo es tosend laut zu- und hergeht, ist eine Person im Handstand zu sehen. Die Schwarz-Weiss-Fotografie hat Herbert Bayer – Fotograf, Lehrer am Bauhaus Dessau und Wegbereiter des Grafikdesigns – 1928 aufgenommen. Sie zeigt den Künstler Xanti Schawinsky beim Handstand am Strand – von oben. Die Körnigkeit des Sandes wird auf dem Naturstein der Felsenbrücke plastisch. Durch die starke Aufsicht regt Bayers Fotografie Perspektivwechsel an und ist ein typisches Beispiel fürs Neue Sehen. Diese fotografische Herangehensweise brach in den 1920er Jahren mit den Konventionen, indem sie dynamisches Schauen in den Fokus rückte, und wurde u.a. am Bauhaus praktiziert.

1903 hat der Ingenieur Robert Maillart die Felsenbrücke über der Mülenenschlucht errichtet. Maillart schuf Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem damals neuen Material Stahlbeton wegweisende Brücken und Pilzdecken ohne Unterzug. Die Felsenbrücke ist ein Frühwerk von Maillart, der zur Zeit der Stickereiblüte eine Filiale seines Ingenieurbüros in St.Gallen führte. Anders als bei seinen späteren Brücken wie der Salginatobelbrücke in Graubünden ist bei der Felsenbrücke die Konstruktion aus Eisenbeton noch mit Naturstein verkleidet – im Kern also radikal, das äussere Gewand aber noch angepasst.

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Herbert Bayer

Nr. 1: Blick unter Felsenbrücke, Mühlenstrasse 12

Salome Schmuki

Double Keys, 2019, 6 min. 52 sec.

Nr. 2: Lukas Bar, St. Georgen-Strasse 34

Im Schaufenster von Lukas’ Bar, die einem auf dem Weg von St.Georgen in die Mülenenschlucht begegnet, leuchtet das Video ‚Double Keys‘ von Salome Schmuki. Wir betrachten einen Bildschirm, genau genommen ein digitales Textfeld. Auf den ersten Blick werden kryptische Zeichen  getippt und wieder gelöscht: Es erscheint ein Zeichen, dann wird ein zweites in abgewandelter Form angeschlagen, vielleicht sogar ein drittes. Schliesslich werden alle wieder gelöscht und zu einer neuen Serie angesetzt, wobei der Takt variiert. Schmuki ist Künstlerin und Grafikerin und hat 2017 dieses Zeichenrepertoire entworfen, das auf Aussprachemustern der englischen Sprache basiert.

Ihr Video verweist ferner auf den Prozess des Schreibens, das Hin und Her, Vor und Zurück, bis ein Text entsteht. Bei ‚Double Keys‘ gelangen wir nicht zu einer Endfassung, es geht vielmehr um die Präsentation von Zeichen und den damit verbundenen Lauten. Durch das nahe Heranzoomen rücken gestalterische Aspekte von Zeichen und Buchstaben in den Blick und Fragen tauchen auf: Was braucht es, damit wir Buchstaben und Zeichen deuten können?
Schrift spielt in der Mülenenschlucht, wo sich die Legende um Gallus und die Gründung der Stadt St.Gallen abspielt, eine wichtige Rolle: Im nahe gelegenen Skriptorium des Klosters St.Gallen wurden Manuskripte kopiert, wobei die Schreiber eigene Zeichen und Schreibweisen erfanden. Nachts leuchtet eine Neonschriftarbeit der Künstlerin Bethan Huws permanent am Gottfried-Keller-Viadukt: Artist Interpret The World And Then We Interpret The Artists. Und auch für Bar-Besitzer Lukas ist Literatur zentral. In seiner Vorgänger-Bar in der Innenstadt hatte er sogar eine Bibliothek eingerichtet.

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Salome Schmuki

Nr. 2: Lukas Bar, St. Georgen-Strasse 34

Michèle Graf & Selina Grüter

Bedenken, Teil 1: Sprache, 2020, 3 min 34 sec

Bedenken, Teil 2: Literatur, 2020, 3 min 39 sec

Bedenken, Teil 3: Ideologie, 2020, 4 min 50 sec

Nr. 3: Rückfassade, Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers

Bedenken, Teil 1: Sprache, 2020, 3 min 34 sec

Bedenken, Teil 2: Literatur, 2020, 3 min 39 sec

Bedenken, Teil 3: Ideologie, 2020, 4 min 50 sec

Nr. 8: Blick von Drei Weieren über St.Gallen

Michèle Graf und Selina Grüter erkunden in ihren Arbeiten soziale Beziehungen respektive die Bedingungen, unter denen es zur Interaktion kommt. Bei stadtprojektionen IV sind sie mit einer dreiteiligen Textarbeit vertreten. Jeder Teil stellt jeweils eine Frage in den Raum und geht von folgender Auffassung von Sprache aus: Sprache als Dialog, als Aktivität und als praktisches Bewusstsein. Die drei Teile sind im Frauenbad Stadthausquai in Zürich, bzw. auf und von Drei Weieren in St.Gallen zu sehen.

Die Projektion 'Bedenken, Teil 1: Sprache' von Graf und Grüter in Zürich befindet sich am Rand des eingelassenen Bassins, knapp über der Wasseroberfläche und unterhalb vom Plateau, auf dem sich ein Publikum selbst aufführt. Gefragt wird hier: Was ist Sprache?


Nr. 8: Blick von Drei Weieren über St.Gallen

In St.Gallen zeigen die Künstlerinnen zwei Projektionen: Die Projektion 'Bedenken, Teil 3: Ideologie' ermöglicht den Weitblick an ein Silo aus den 1920er Jahren der Brauerei Schützengarten und schafft ein freies Assoziationsfeld über die Stadt hinaus. Graf und Grüter fragen da: Was ist Ideologie? Die Projektion 'Bedenken, Teil 2: Literatur' nimmt Bezug auf bestehende Schriftzüge des Badepavillons, der sich an der Längsseite des Mannenweiers befindet. Sie lauten etwa: 'Rein sei draussen, rein sei drin. Rein die Rede, rein der Sinn.' Die Künstlerinnen reagieren auf diese Schriftzüge, deren Urheber*in und Entstehungsjahr unbekannt sind, mit der Frage: Was ist Literatur? 

Michèle Graf und Selina Grüter haben an der ZHdK studiert und kollaborieren seit 2011. Sie arbeiten oft performativ und bevorzugen dabei räumliche Situationen ohne eindeutige Trennung zwischen der Bühne und dem Publikum. Oftmals ist es gerade diese (Nicht-) Grenze, die sie in ihren Werken auf ihre Beschaffenheit hin untersuchen. Derzeit nehmen sie am Whitney Independent Study Program in New York teil.

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Michèle Graf & Selina Grüter

Nr. 3: Rückfassade, Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers
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Michèle Graf & Selina Grüter

Nr. 8: Blick von Drei Weieren über St.Gallen

Lisa Grip

Älskarna (Liebende), 2014, 6 min 39 sec

Nr. 4: Holzplatteau, Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers

Lisa Grip zeigt die Filmarbeit ‚Älskarna' (Liebende), in der ihr jetziger und ihr früherer Partner am Strand miteinander kämpfen. Es ist dabei kein Kampf im klassischen Sinne, sondern oszilliert zwischen Spiel, Rammeln und Umarmung – eine Situation, wie sie im Sommer manchmal auf der nahe gelegenen Spielwiese westlich des Mannenweiers zu beobachten ist. Die Projektion erfolgt im Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers – von der Galerie hinunter auf das wassernahe Holzplateau. Die Vogelperspektive der Projektion greift jene der Filmarbeit auf. ‚Älskarna' entstand analog, als Super-8-Film, und besticht durch seine Körnigkeit.

In ihrer Arbeit reflektiert Lisa Grip die Intimität und die Kräfteverhältnisse, die sich in zwischenmenschlichen Beziehungen finden. Sie forciert Szenen, indem sie vorab Regieanweisungen erteilt, um dann den Protagonist*innen freien Lauf zu lassen. So kreist ihre Arbeitsweise immer wieder um Kontrolle und dem Wunsch nach deren Verlust.

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Lisa Grip

Nr. 4: Holzplatteau, Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers

Sonja Lippuner

Ghost Nets, 2015, 1 min 22 sec

Nr. 5: Umkleidekabine, Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers

Ein tief rotes Mandarinen-Netz tänzelt durch einen knallhellblauen Swimmingpool. Im Hintergrund werden weitere Netzklumpen ersichtlich, die offensichtlich nicht in den Swimmingpool gehören. Es sind Überblendungen von Aufnahmen aus Weltmeeren, durch welche riesige Fischernetze dümpeln. Sonja Lippuner hat diese während ihrer Tauchgänge mit der Kamera eingefangen. Dabei richtet sie die Kamera immer wieder hinauf an die Wasseroberfläche, durch die die Sonne glitzert.

Sanft, aber präzise zugleich benennt die Künstlerin die grosse Bedrohung des Ökosystems durch Abfälle. Sonja Lippuner taucht und schwimmt für ihr Leben gerne, in allen Weltmeeren und oft auch in den Drei Weieren. Dabei erlebt sie das Gefühl körperlicher Freiheit. Eine Leichtigkeit, die ihr durch die Gebundenheit an den Rollstuhl im alltäglichen Leben abhanden gekommen ist. In ihren Arbeiten sind Unterwasseraufnahmen und Fischmotive wiederkehrend, ob in den Medien Fotografie, Malerei oder Skulptur.

Das Mandarinen-Netz erinnert in seiner treibenden Leichtigkeit an jene weisse Einkaufstüte aus Sam Mendes’ Film ‚American Beauty’ (1999): Atemberaubend der Moment, als man einem Stück Abfall zuschaut, wie dieses einen zarten Tanz mit dem Laub vollführt. Wie das Mandarinen-Netz von Sonja Lippuner eröffnet die Schlüsselszene in ‚American Beauty‘ ein Bedeutungsspektrum, das zwischen Schönheit und Tragik hin- und herpendelt.

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Sonja Lippuner

Nr. 5: Umkleidekabine, Badehaus an der Längsseite des Mannenweiers

Anonyme Fotografie

Tanzübungen am Lago Maggiore, 1913, Fotografie (Standbild)

© Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Nr. 6: Badehaus am östlichen Ende des Mannenweiers

Von Weitem schon macht eine Projektion im offen konzipierten Badehaus am östlichen Ende des Mannenweiers auf sich aufmerksam. stadtprojektionen zeigt eine Fotografie von Tanzübungen am Lago Maggiore, aufgenommen 1913. Das Standbild nimmt das Freigeistige und Gemeinschaftliche auf, das mit Badeorten verbunden ist. Wir sehen fünf teils nackt tanzende Personen. Unter ihnen befindet sich Rudolf von Laban, ein Begründer des Ausdruckstanzes, zudem wegweisender Tänzer und Choreograf. Laban lebte und arbeitete in den 1910er Jahren auf dem Monte Verità bei Ascona, wo er angeschlossen ans dortige Sanatorium eine Tanzschule führte. Seine Schüler*innen sollten zu einem ‚reinen‘, individuellen und nicht vorgeprägten Bewegungsausdruck finden und lernen, Emotionen durch Bewegung auszudrücken. Laban strebte eine Lebensreform an, die in Verbindung mit Tanz und Bewegung erfolgen sollte und nach Möglichkeit draussen, barfuss und nackt.

Es ist nicht anzunehmen, dass um 1900 auf Drei Weieren nach Labans Vorstellungen getanzt wurde – es ist zumindest nicht belegt. Jedoch trat auch hier eine Öffnung zutage: Waren die Weieren um 1610 fürs Bleichen von Leinwand und für Löschwasser-Reserven angelegt worden, so entwickelten sie sich im 18. Jahrhundert langsam zu einem Bade- und Naherholungsgebiet. Um 1900 schliesslich wurde die heutige Nutzung durch die Erstellung mehrerer Badeanstalten zementiert – geschlechtergetrennt und daher möglichst verteilt über die Drei Weieren.

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Anonyme Fotografie

Nr. 6: Badehaus am östlichen Ende des Mannenweiers

Michèle Mettler

Zwischenzustände, 1995-2015, Foto-Serie

Nr. 7: Badehaus am östlichen Ende des Mannenweiers

An einem intimen Ort, der nur über einen Steg betreten werden kann, zeigt Michèle Mettler ihre schwarz-weisse Fotoserie, deren Ausgangspunkt der Körper war. Gesichter, Torsi und Rückenakte tauchen auf, doch oft unkenntlich und geisterhaft: Sie sind verschattet oder in einer Art Nebel, sodass sie sich nur erahnen lassen. Von den fotografierten Personen geht eine Ruhe aus, sie entfalten mal eine sinnliche und wache, mal eine entrückte und schwebende Präsenz. Die analogen Aufnahmen sind zwischen 1995-2015 entstanden und wurden mehrfach manuell durch die Künstlerin bearbeitet: Mettler versah sie mit Löchern, ritzte ein oder belichtete Filme doppelt.

Michèle Mettlers Fotoprojektion ist im 1906 erbauten, halbseitig offenen Querbau am östlichen Ende des Mannenweiers zu sehen – im sonstigen Umkleidebereich, den ein gestreifter Segelstoff vor Blicken schützt.

Michèle Mettler arbeitet mit Fotografie und Zeichnung, oft auch kombiniert. Gegenwärtig ist sie an einem Projekt zu Gärten von Migrant*innen beteiligt und befasst sie sich mit einer Langzeit-Akupunktur-Serie. Dabei färbt sie ihr Modell schwarz ein und zeichnet die Meridiane, also die Leitbahnen der Lebensenergie, nach. Aus der Akupunktur-Serie ist kürzlich ein Künstlerbuch entstanden. Die Künstlerin interessiert sich für Quantenphysik, das Unsichtbare und Zwischenzustände. Sie ist in Chinesischer Medizin ausgebildet, was in ihre Fotoarbeiten einfliesst.

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Michèle Mettler

Nr. 7: Badehaus am östlichen Ende des Mannenweiers

Anna Linder

Densen, 2009, 7 min 20 sec

Nr. 9: auskragende Dach des Restaurants Dreilinden

Der Filmcollage Densen von Anna Linder liegen Fotografien aus Tokyo, St.Petersburg, Barcelona, Mailand und Buenos Aires zugrunde. Die Künstlerin hat sie in einem aufwändigen Prozess manuell zu einem Film animiert – mal liegt der Fokus auf einer Fotografie, mal ist der Blick diffus oder die Bilder wirbeln im Kreis, dann wieder folgt ein Zoom-Out auf eine geordnete Ansammlung von Fotografien. Linders Fotografien gemeinsam ist der Blick gegen den Himmel. Angeschnittene Hochhäuser, Ampeln und Strommasten sind zu erkennen, deren Leitungen die Fotografien immer wieder diagonal durchschneiden.

Densen (aus dem Japanischen, zu Deutsch Stromleitung) wird unter das auskragende Dach des Restaurants Dreilinden projiziert. Die Blickrichtung der Betrachtenden und jene der Filmcollage kommen zu Deckung. 1932 erbaut, ist das Restaurant Dreilinden mit seinem Flachdach, dem kubischen Hauptkörper und dem halbrunden Annex ein wichtiger Exponent des Neuen Bauens in St.Gallen. Die Projektion von Densen auf Drei Weieren referiert zudem auf jenen Moment, wenn man mit gestrecktem Kopf aus dem Wasser auftaucht, die Umwelt noch unscharf wahrnimmt und seinen Blick wieder zu richten versucht.

Seit den frühen 1990er Jahren arbeitet Anna Linder mit dem bewegten Bild, ob als Künstlerin, Kuratorin oder Produzentin. Linder ist in der LGBTQ-Community aktiv und hat 2016 den Experimentalfilm Spermwhore geschaffen, worin sie sich mit der ungewollten Kinderlosigkeit von homosexuellen Paaren befasst. Im selben Jahr rief Linder das in Göteborg situierte SAQMI ins Leben, das Swedish Archive for Queer Moving Images.

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Anna Linder

Nr. 9: auskragende Dach des Restaurants Dreilinden

Rico Scagliola & Michael Meier

Loose Legs, 2020, 10 min 31 sec

Nr. 10: Rückwand Restaurant Dreilinden

Das Künstlerduo Rico Scagliola & Michael Meier hat diesen August bei Vollmond auf Dreilinden gefilmt. Zu sehen sind Beine, die sich die Architektur des Frauenbads aneignen: Sie vollführen synchronschwimmartige Bewegungen in den eingelassenen Bassins, inszenieren sich auf der Liegewiese und defilieren anmutig über die hölzernen Stege. Auch wagen sie sich in verbotene Bereiche der 1896 erbauten, nach aussen abgeschirmten Frauenbadi vor: Die Beine baumeln aus dem Fenster des Glockenturms und kriechen auf Holzverschlägen, dazu glitzert das Wasser im Mondlicht.

Rico Scagliola & Michael Meier leben in Zürich und arbeiten seit 2008 zusammen. Sound, Film und Fotografie begleiten ihr Schaffen. Sie befassen sich mit der Konstruktion von Identität, mit Selbstdarstellung und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Das Duo ist genauer Beobachter von individuellem und gesellschaftlichem Verhalten. Ihre für stadtprojektionen IV geschaffene Film-Arbeit ist angeregt von folgenden Fragen: Zu welchem Verhalten animiert uns eine Badeanstalt? Welche Rolle spielt dabei die Architektur? Ihre Film-Arbeit ‚Loose Legs' nimmt sich stereotypen Blicken an. Dazu die Künstler: «Es geht um das Bild von Beinen, das – medial reproduziert und erotisiert – man meist in Gestalt von Frauenbeinen zu sehen gewohnt ist. In unserem Film sind die auftretenden Beine – es sind unsere eigenen – von den Oberkörpern gelöst und verselbständigt. Sie erhalten so etwas Geisterhaftes, Identitätsloses, während sie in Endlosschleife mal erotische, artistische, mal alltägliche Bewegungsmuster (re)präsentieren.»

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Rico Scagliola & Michael Meier

Nr. 10: Rückwand Restaurant Dreilinden

Sophie Vuković

Mother’s Milk, 2019, 14 min 23 sec

Nr. 11: Kabinentrakt zwischen Frauen- und Familienbad, Chrüzweier

Sophie Vuković beleuchtet im Film ‚Mother’s Milk' eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter. In Nahaufnahmen werden Gesten untersucht, die im Laufe eines Tages immer und immer wieder ausgetauscht werden. Das ebenso poetische wie kluge Porträt offenbart liebevolle und schonungslose Aspekte. Und vor allem macht der Film darauf aufmerksam, dass es über Jahrzehnte wenig hinterfragte gesellschaftliche Norm war, dass Frauen für den Haushalt und die Betreuung von Kindern sorgen.

Gezeigt wird ‚Mother’s Milk' im Familienbad, einem dezidierten Mutter-Tochter-Ort. Der intime Projektionsort liegt beim vor- und zurückweichenden Kabinentrakt, der Mitte der 1950er Jahre erbaut worden ist.  Mit der Erstellung eines Familienbades haderte St.Gallen seit den 1920er Jahren. Erst 1943 hat der Stadtrat die temporäre Benützung des Frauenweiers als Familienbad beschlossen und 1956 schliesslich wurde das Gemeinschaftsbad beim Chrüzweier offiziell eröffnet.
Sophie Vuković ist Filmemacherin und Künstlerin und befasst sich in ihrer Arbeit mit der Konstruktion von Identität und häufig auch mit Migration. Sie untersucht, wie persönliche Erfahrungen von sozialen und politischen Strukturen determiniert werden.

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Sophie Vuković

Nr. 11: Kabinentrakt zwischen Frauen- und Familienbad, Chrüzweier

Herbert Weber

Praktische Arbeit, 2020, 8 min 33 sec

Nr. 12: Backsteinwand im Frauenbad, Chrüzweier

‚Praktische Arbeit' lautet der Titel von Herbert Webers Filmarbeit für stadtprojektionen IV. Er hat sie ausgehend von der Backsteinwand konzipiert, die den Übergang vom Familien- zum Frauenbad markiert. Der Film beginnt mit einer schwarzen Fläche, die erst allmählich durch das Überstreichen mit Weiss sichtbar wird. Was folgt, ist ein ein beruhigender Ausblick auf die Nordsee. Der Künstler verweist auf das Meer als Sehnsuchtsort und darauf, dass das Wasser der Weieren über die Steinach in den Bodensee, danach in den Rhein und schliesslich in die Nordsee fliesst. Der poetische Ausblick ist aber nicht immer da, die Meere haben auch ihre dunklen Seiten. Dazu sagte der Künstler 2019 in einem Interview: «Das Meer steht auch für fürchterliche Realitäten: Flüchtende ertrinken darin, es wird überfischt und tonnenweise Müll schwimmt umher. Es kann sein, dass diese Umstände die Poesie des Meeres letztlich ablösen. Zu hoffen ist, dass seine Schönheit noch lange überwiegt.»

Herbert Weber lebt in St.Gallen und ist im Sommer häufiger Weier-Schwimmer. Ausgangspunkt vieler seiner Arbeiten ist die jeweilige Ausstellungssituation. Er geht auf die räumliche Konstellation ein und regt dazu an, den eigenen Standpunkt zu reflektieren und vielleicht gar zu verschieben. Mit ‚Praktische Arbeit‘ denkt er über Wasserkreisläufe nach und zeigt über den Akt des Überstreichens, dass wir es in der Hand haben, achtsamer mit der Erde und ihren Ressourcen umzugehen.

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Herbert Weber

Nr. 12: Backsteinwand im Frauenbad, Chrüzweier

Bertold Stallmach

Knutschen allein zu Hause, 2020, 1 min 42 sec

Nr. 13: Eingangsbereich Familienbad, Chrüzweier

Figuren knutschen in der Nähe eines Weihers und gehen baden. Land- und Wassertier verschmelzen und werden zu Seealgen. Bertold Stallmach spielt lieblich mit dem nicht ganz geheuren Gefühl von Berührungen im Wasser, die wohl jede*r aus der Kindheit kennt, und die man nie komplett ablegen kann. Die Arbeit wird auf eine Türe aus Holzlatten projiziert, durch die sie hindurchdringt. Wie die Blätter, Fische und Algen der Weieren an der Wasseroberfläche nur zu erahnen sind, ist dies die Arbeit von Bertold Stallmach auch im Eingangsbereich des Familienbades.

Der Versuch, neuronale Aktivitäten darzustellen, resultierte in dieser animierten Kurzgeschichte. Sie handelt von zwei Lipiden, die in einem Weiher baden gehen. Mit durchsichtiger Knete animierte Bertold Stallmach die Figuren. Ein einziger Farbklecks taucht im Schwarz-Weiss-Film auf; er ist gelb und stellt ein Natriumatom dar, das versucht, durch die Lipiddoppelschicht zu dringen.
Die ortsspezifische Arbeit ‚Knutschen allein zu Hause‘ ist während des Lockdowns für stadtprojektionen IV entstanden. So könnte der gelbe Fleck auch als Virus gelesen werden. Die fliessenden Grenzen zwischen realen und imaginären, zwischen kollektiven und persönlichen Bedrohungen und deren Wirkungen werden im Film gleichermassen auf neuronaler, wie auf der Ebene des aktuellen Weltgeschehen tangiert.
Bertold Stallmach bewegt sich in den Medien Animation, Collage, Zeichnung und Installation. Mit spielerischem Witz thematisiert er zwischenmenschliche Verstrickungen und Abhängigkeiten. Kindliche Fragestellungen führen zu Weltfragen und -zusammenhängen. So meint Bertold Stallmach zu ‚Knutschen allein zu Hause‘: „Wenn man immer zu Hause sitzt, kommt man einfach viel zu wenig dazu, mit schlafenden Monstern zu füsseln.“

‚Knutschen allein zu Hause‘ wird sowohl in St.Gallen als auch in Zürich gezeigt. Im Frauenbad Stadthausquai wird die Arbeit in eine Umkleidekabine hineinprojiziert, die in cineastischer Manier von der gegenüberliegenden Bassinseite zu sehen ist.

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Bertold Stallmach

Nr. 13: Eingangsbereich Familienbad, Chrüzweier

BIGLERWEIBEL

Fluidum II, 2019, 1 min 41 sec.
Fluidum III, 2019, 3 min 52 sec.

Aussenfassade Frauenbad Stadthausquai, Zürich

Fluidum II, 2019, 1 min 41 sec.
Fluidum III, 2019, 3 min 52 sec.

Nr. 14: Umkleidekabinen, Familienbad Chrüzweier

Ein Kaleidoskop aus Gliedmassen eröffnet das Schauspiel der stadtprojektionen im Familienbad auf Drei Weieren. Über drei Umkleidekabinen strecken und rekeln sich Körperteile. In permanentem Fluss von hervortretenden Beinen und Armen eröffnen sich stetig neue, abstrakt körperliche Bildwelten. Unmittelbar hinter der Projektion an die Umkleidekabinen befindet sich ein geschlossener Badebereich, der ausschliesslich Frauen vorbehalten ist.

Die Arbeit stammt aus einer vierteiligen Serie des Künstlerinnen-Duos BIGLERWEIBEL. ‚Fluidum‘ zeigt mit unterschiedlichen Foki Fragmente und Kombinationen zweier Körper – jene der Künstlerinnen. Darin setzen sie den weiblichen Körper der Wahrnehmung im medialen Alltag entgegen und reduzieren ihn geschickt auf Form und Materialität.


Nr. 14: Umkleidekabinen, Familienbad Chrüzweier

BIGLERWEIBEL sind Jasmin Bigler und Nicole Weibel, seit 2014 agieren sie als Duo. Ihre Werke zeichnen sich durch eine feministische Grundhaltung aus. Sämtliche Arbeitsschritte werden vom Duo selbst geplant und durchgeführt. Der weibliche Körper dient als Ausgangslage, um sein optisches Potential zu erweitern. Das Duo verschränkt Performance und digitale Medien und kreist thematisch um Unorte, körperliche Irritationen, Symmetrieren, Normalitäten und Verfremdungen.

Während des Auftaktes von stadtprojektionen in Zürich nimmt uns ein Körperklumpen an der Aussenfassade des Frauenbads Stadthausquai in Empfang. In 'Fluidum II' überlagern zwei Hände, die einen Bauch kneten, kauernde Frauenkörper. Wo ‚Fluidum II‘ eine Intimität beiwohnt und nahezu ein enges Gefühl evoziert, behaupten sich in ‚Fluidum III‘, das in St.Gallen projiziert wird, selbstbewusst zwei weibliche Körper.

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BIGLERWEIBEL

Aussenfassade Frauenbad Stadthausquai, Zürich
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BIGLERWEIBEL

Nr. 14: Umkleidekabinen, Familienbad Chrüzweier

Presse

Pressespiegel stadtprojektionen IV, 2020

Unterstützung

Der Verein ANI freut sich über finanzielle Unterstützung für kommende stadtprojektionen:

Vereinskonto ANI – Verein für kuratorische Projekte
St.Galler Kantonalbank
IBAN CH88 0078 1623 1108 8200 0


Herzlichen Dank an die Künstler*innen und das Projektteam:
Technik: Clemens Waibel, Bastian Lehner und Gianluca Trifilo
Grafik: Roland Brauchli
Website: Jonas Huber
Übersetzung: Simon Thomas

stadtprojektionen IV wird grosszügig unterstützt durch: